Pilotprojekt: Bus mit mobilem Straßenwettersensor macht Verkehr sicherer

Bus in Offenburg mit Straßenwettersensor MARWIS

Winterdienste retten Leben. Wenn die Tage kürzer und kälter werden, sorgen sie mit Salzstreugeräten und Schneepflügen für sichere Straßen. Den Fahrbahnzustand erfassen sie mit Echtzeitmessungen. In einem Pilotprojekt zeigen die Technischen Betriebe (TBO), wie sich die Datenbasis mit wenig Aufwand verbessern lässt.

Ein Bus macht den Verkehr in Offenburg sicherer. Ganz nebenbei, ohne Zusatzaufwand für den Fahrer. Dabei sieht er recht gewöhnlich aus, höchstens die froschgrüne Lackierung sticht ins Auge. Das entscheidende Detail befindet sich am Heck. Dort sitzt ein Brotdosen-großer Kasten mit ausgeklügelter Technik im Innern. Der mobile Straßenwettersensor Lufft MARWIS überwacht während der Fahrt den Fahrbahnzustand und sendet die Daten in Echtzeit an den Winterdienst. Damit ermittelt der froschgrüne Bus, der jeden Tag mehrfach über die Straßen Offenburgs und anliegender Gemeinden rollt, also auf jedem Meter die akute Verkehrssicherheit.

Die Bedeutung von Daten für die Sicherheit

Zu den Hauptaufgaben des Winterdienstes zählt die Bekämpfung von Straßenglätte. Dafür räumen die Arbeiter mit speziellen Fahrzeugen Schnee von der Straße und halten sie mit Salz oder alternativem Streugut griffig. Warum der Winterdienst für diese Aufgaben Sensoren benötigt, erläutert Raphael Lehmann, Geschäftsbereichsleiter Technische Dienste bei den TBO: „Die Daten über den Fahrbahnzustand helfen uns, die Situation auf unseren Straßen schnell zu erfassen und Einsätze zu priorisieren.“

Seit 2018 ist der MARWIS in Offenburg im Einsatz. Mittlerweile elf Sensoren sind an TBO-Fahrzeugen installiert und überwachen den Fahrbahnzustand. Nun ist im Bus der städtischen Verkehrsbetriebe SWEG (Südwestdeutsche Landesverkehrs-AG) das zwölfte Fahrzeug dazugekommen. Eine klassische Win-win-Situation für TBO und SWEG, findet Lehmann. Er fasst die Idee hinter dem Pilotprojekt so zusammen: „Die Busse fahren ihre Route ja ohnehin ab. Wenn sie ohne zusätzlichen Aufwand dabei die Situation auf den Straßen kontrollieren, füttern sie damit unsere Datenbasis, wodurch wir schneller und gezielter arbeiten können. Davon profitieren alle Verkehrsteilnehmer – auch die Busse der SWEG.“

Evolution des Winterdienstes: Von Schuhkontrolle zu digitaler Einsatzkarte

Wie sehr moderne Fahrbahnsensorik die Verkehrssicherheit verbessern kann, erläutert Raphael Lehmann an einem Beispiel. Früher basierte die Überwachung der Straßen meist auf der Erfahrung der Winterdienstarbeiter und lief mitunter recht hemdsärmelig ab. „Da hielt der Mitarbeiter den Fuß aus dem Auto und prüfte, wie glatt die Straße war“, sagt er.

Heutzutage blicken die Mitarbeiter auf eine digitale Stadtkarte, auf der sie Messungen der im Einsatz befindlichen Sensoren in Echtzeit erfassen. Die von Lufft empfohlene Software dazu ist ViewMondo. Raphael Lehmann fasst die Arbeit mit den mobilen Straßenwettersensoren so zusammen:

Der MARWIS liefert direkt von der Straße die nötigen Daten, auf deren Grundlage wir den Einsatzplan festlegen. Sowohl Fahrer als auch Winterdienstleitung können in Echtzeit die aktuellen Straßenverhältnisse einsehen und innerhalb von Minuten bewerten, ob ein weiterer Einsatz notwendig ist oder wo der dringendste Handlungsbedarf besteht. Um die Lagebesprechung um 4 Uhr morgens so anschaulich wie möglich zu gestalten, haben wir in ViewMondo ein Ampelsystem eingestellt. Springt es in einem Bezirk auf Rot, brechen unsere Mitarbeiter auf zum Volleinsatz.

Raphael Lehmann, Technische Betriebe Offenburg

Vielversprechende Premiere

Der Offenburger „MARWIS-Bus“ ist ein Pilotprojekt, dem weitere folgen dürften. So plant beispielsweise die Verkehrsbehörde des US-Bundesstaats Delaware, DelDOT, – bereits seit Längerem zufriedener Kunde – den Einsatz eines MARWIS an einem Kleinbus. „Das Interesse an dieser Lösung ist groß“, berichtet Steven Marks, der als Sales Manager die Straßenwetter-Lösungen von Lufft im deutschsprachigen Raum vertreibt. „Überall, wo Fahrzeuge im Stadtraum unterwegs sind, könnten sie gleichzeitig ohne Aufwand etwas zur Verkehrssicherheit beitragen.“

 

Doch was sagt eigentlich die Fahrerin des Busses zu ihrer neuen Aufgabe? Edeltraud Himmelsbach freut sich über die neue Ausstattung ihres Arbeitsgeräts. „Ich finde das sehr gut. Es gibt zwei, drei Stellen in unserem Netz, an denen es im Winter wirklich schnell glatt werden kann. Mit dem Sensor helfen meine Kollegen und ich dem Winterdienst dabei, die Straßen sicherer zu machen.“

Interkommunale Zusammenarbeit für mehr Verkehrssicherheit

Das Pilotprojekt ist für die Herbst- und Wintersaison 2020/21 angesetzt. Für die Zukunft stellt sich Raphael Lehmann vor, weitere Busse und öffentliche Fahrzeuge mit einem MARWIS auszustatten. Zudem schwebt ihm eine interkommunale Zusammenarbeit vor, in deren Rahmen die Daten angrenzenden Gemeinden zur Verfügung gestellt werden könnten. „Gerade Bauhöfe kleinerer Dörfer, die selbst keine Straßenwettersensorik unterhalten, aber Teil des Verkehrsgebietes sind, würden von den gesammelten Daten profitieren“, sagt Lehmann.

Die Evolution des Winterdienstes ist noch lange nicht am Ende.

Pressestimmen

OTT CAST #2: Intelligent Road Weather Monitoring (EN)

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